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Pax Atlantica – Quo Vadis?

Andrew Denison

Europa und die USA werden auch künftig aufeinander angewiesen bleiben. Europas Sicherheit und Handlungsfähigkeit hängen weiterhin stark von den USA ab, zugleich brauchen die USA ein starkes Europa. Vor allem Deutschland muss deshalb mehr Verantwortung übernehmen.

Inhalt

Amerikanische Macht und Pax Atlantica

Pax Atlantica – im amerikanischen Interesse

Pax Atlantica – Deutschland wichtiger denn je

Literatur

Die halbwegs geeinten Staaten Europas leiden unter großen geostrategischen Nachteilen. Das heutige Europa ist klein und verwundbar – eine exponierte Halbinsel auf dem riesigen eurasisch-afrikanischen Megakontinent. Gleichzeitig ist Europa ein attraktiver Standort, der mit unheimlicher Vielfalt und Kreativität einen entsprechenden Reichtum mit sich bringt. Historisch war es jedoch kaum möglich, in dieser kulturellen und politischen Vielfalt eine geostrategische Einheit zu schaffen.

Unter dem Erbe von Jahrhunderten innerer Kriege und Verwüstungen bleiben die Europäer vom Ziel der „Vereinigten Staaten von Europa“ als gleichberechtigte Partner der Vereinigten Staaten von Amerika noch weit entfernt. Kaum ist der innereuropäische Nachkriegsfrieden (mit Hilfe von außen) halbwegs gesichert, schlagen die politischen Unruhen aus dem Rest der Welt mit nie dagewesener Wucht auf die ungeeinten Europäer ein. In einer solchen Welt ist eine strategische Unabhängigkeit der 450 Millionen Europäer von den 345 Millionen US-Amerikanern ebenso unwahrscheinlich wie eine Einigung der europäischen Staaten zu einer zweiten Supermacht.

Für Deutschland und die anderen europäischen Staaten ist es daher von existentieller Bedeutung, den atlantischen Frieden, die „Pax Atlantica“, stark und nachhaltig zu machen, in der sich die Vereinigten Staaten von Amerika, samt ihrer Nukleargarantie, an die weniger vereinigten Staaten von Europa geostrategisch fest binden. Denn nur eines wäre für die Europäer schwieriger als eine enge Partnerschaft mit den USA: nämlich keine. Das Gleiche gilt für die USA: Ohne Europa als strategischen Brückenkopf wären sie viel weniger reich und viel weniger sicher.

Achtzig Jahre Pax Atlantica sind nicht nur ein Wunder, sondern vielmehr die Basis der gewohnten Zusammenarbeit, auf die man heute weniger als je zuvor verzichten kann. Auch in einer regelbasierten Weltordnung sind Macht und Gegenmacht von zentraler Bedeutung. Die geostrategischen Fundamente der Macht im transatlantischen Verbund zeigen die Logik der Zusammenarbeit und die Möglichkeiten für die Zukunft auf.

Amerikanische Macht und Pax Atlantica

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    1949–1969 Sicherung Westeuropas

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    1969–1989 Öffnung nach Osten

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    1989–2009 Konsolidierung Europas „Geeint und frei“

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    2009–2029 Globalisierung der NATO

Vor 250 Jahren, am 4.7.1776, gründeten abtrünnige Kolonialisten eine neue Republik: die Vereinigten Staaten von Amerika. Mit der 1789 geschaffenen neuen konsolidierenden Verfassung und Regierung reagierten diese Gründungsväter unter anderem auf geostrategische Realitäten. Sie wussten, dass sie die Regierung Amerikas stärken mussten, um Amerika zu sichern. Sie wussten auch, dass sie die Grenzen Amerikas erweitern müssten, um sie zu sichern.

Geografie zeigt sich nicht nur in Landschaften und Gewässern, sondern auch in ihren Möglichkeiten. Die Geografie macht Amerika zu einem Einwanderungsland. Sie ist der Sirenengesang, der erklären kann, wie aus 13 isolierten Kolonien eine weltweit einzigartige Supermacht entstehen konnte und warum das Land als eine globale Nation in einer amerikanischen Welt zu verstehen ist.[1] Die Atombombenarsenale der Supermächte und die damit verbundenen Karten der potenziellen globalen Zerstörung und radioaktiven Vergiftung gaben den Amerikanern einen neuen Bezug, nicht nur zu ihrer schützenden Geografie, sondern auch zur Weltgeografie. Seitdem geht es den USA darum, Russland und China – alte Imperien, die über Atomwaffen verfügen – abzuschrecken, einzudämmen, auseinanderzuhalten und zu engagieren – mit den weniger vereinigten Staaten Europas und den noch weniger geeinten Staaten Asiens. Die USA sollten in der Lage sein, dies zu tun, ohne einen Atomkrieg auszulösen, Prinzipien, Verbündete und strategische Positionen aufzugeben oder sich selbst in den Bankrott zu treiben. So wie Amerika seine geostrategische Perspektive erweitert hat, hat auch die NATO als Ausdruck dieser Macht ihre geostrategische Perspektive erweitert.

Washington ging es bis 1969 vor allem darum, Westeuropa trotz der Berliner Krisen und anderer sowjetischer Provokationen zu schützen. Von 1969 bis 1989 gelang es der NATO, den Warschauer Pakt friedlich aufzulösen und Europa nach Osten zu öffnen – mithilfe der Ostpolitik, des Helsinki-Prozesses, aber auch durch Aufrüstung und den Doppelbeschluss. Von 1989 bis 2009 ging es mit den Balkankriegen, der NATO- und EU-Osterweiterung sowie dem ersten „Out of area“-Einsatz der NATO gegen Terroristen um die Konsolidierung Europas – „geeint und frei“. Ab 2009, unter anderem mit der Wahl von Barack Obama, befasste sich die NATO zunehmend mit globalen Problemen wie dem Klimawandel, der Migration und der strategischen Herausforderung durch China. Die Pax Atlantica erweiterte sich unaufhörlich.

Pax Atlantica – im amerikanischen Interesse

Präsidenten kommen und gehen. Amerikanische Interessen und Institutionen aber bleiben bestehen. Ob es Donald Trump gefällt oder nicht: Europa ist und bleibt für die USA die geostrategische Priorität Nummer Eins, denn Europa ist der wichtigste strategische Brückenkopf in Eurasien. Davon zeugen die Ramstein Air Base und mehr als 40 weitere US-Stützpunkte in Europa. In Europa verdienen die Amerikaner mehr als ein Drittel dessen, was sie in ganz Asien verdienen.[2] Außerdem sehen sie in Europa die Wurzeln ihrer Kultur. Gemeinsame Interessen und Investitionen gehen Hand in Hand und sind von gemeinsamen Werten getragen. Vernetzt wie noch nie wachsen die europäischen und amerikanischen Gesellschaften ineinander und nicht auseinander.

Die gemeinsamen Interessen erklären, warum sich die 32 NATO-Mitglieder darauf geeinigt haben, ihre Verteidigungsausgaben auf 3,5 Prozent des BIP zu erhöhen. Gemeinsame Interessen erklären auch, warum sich Trump verpflichtet hat, eine souveräne, sichere und wohlhabende Ukraine anzustreben.[3] Die politischen und finanziellen Kosten sowie die Eskalationsgefahren erklären am besten, warum Trump nicht bereit ist, mehr Druck auf Putin auszuüben.

Donald Trump mag die Geschäftsgrundlage der transatlantischen Partnerschaft nicht. Bislang deutet jedoch nichts auf die von vielen in Deutschland gefürchtete Strategie zur Schwächung Europas hin. Demgegenüber sind die Deutschen mit Trumps Umgang mit der Geschäftsgrundlage unzufrieden, also mit seiner mangelnden Bereitschaft, sich mit den Hauptstädten Europas abzustimmen.[4]

Der sehr langsame Anstieg der Verteidigungsausgaben deutet jedoch nicht darauf hin, dass Deutschland bereit ist, die amerikanische Militärmacht zu ersetzen. Die vergleichsweise niedrigen Verteidigungsausgaben der Bundesrepublik in den letzten 50 Jahren zeigen, dass Deutschland nie gewillt war, auf diese Macht zu verzichten (Dar. 1).

Auch der ambitionierte Verteidigungsetat von Trump für das Jahr 2027 zeugt nicht unbedingt von einem Rückzug Amerikas. Mit 1,5 Bio. Dollar liegt er 50 Prozent höher als im Vorjahr. Die fortlaufende, vollständige Erneuerung der strategischen Kernwaffenarsenale belegt die weitere Bedeutung der erweiterten Abschreckung, also der „Nukleargarantie“ für Europa, Japan und Südkorea. Die US-Soldaten in Europa bilden das konventionelle Rückgrat der Abschreckungsfähigkeit der NATO – egal, ob sie 100.000 Mann stark sind oder nur halb so viele Soldaten zählen.

Dar. 1: Verteidigungsausgaben als Anteil des BIP 1950–2025 (Quelle: Grafik von ChatGPT auf Basis der historischen Daten der NATO-Verteidigungsausgaben[7] generiert)

Zwar mag China künftig eine größere Gefahr für Amerika darstellen als Russland, doch auch in diesem Fall wird Europa als Partner Amerikas von unschätzbarer Bedeutung sein. Die europäische Marine ist im Pazifik präsent, und in NATO-Kommuniqués werden die von China ausgehenden strategischen Gefahren beschrieben.

Pax Atlantica – Deutschland wichtiger denn je

Die Nachkriegsordnung ist nach wie vor bestimmend. Zwar verändert sich vieles, doch die Konturen unserer Welt sind weiterhin von Interessen und Institutionen geprägt, die sich in den ersten Jahren der Nachkriegszeit herausgebildet haben. Dazu gehören die amerikanische Hegemonie samt Bündnissen und dem Dollar als Weltleitwährung, Russland und China als euroasiatische Bedrohungen, der globale Kernwaffenkrieg als existenzielle Gefahr und die Entkolonialisierung als blutende Wunde.

Donald Trumps Amerika stellt Deutschland und Europa vor zahlreiche neue Herausforderungen. Doch selbst er kann die bestehenden Machtverhältnisse und Besitzstände nicht einfach wegwünschen. Auch für Trumps Amerika bleiben Frieden, Freiheit und Wohlstand in den weniger vereinigten Staaten von Europa letztendlich so wichtig wie nichts anderes. Das Ringen um die transatlantische Lastenteilung wird ebenfalls eine Konstante bleiben.

Neu ist jedoch Deutschlands Position im transatlantischen Geflecht. Anders als im Kalten Krieg ist Deutschland heute primus inter pares in Europa. Anders als in den drei Jahrzehnten des Friedens nach dem Mauerfall ist Europa heute einer Kriegsgefahr ausgesetzt wie selten zuvor. Warten auf Europa, also auf eine europäische Armee, reicht nicht mehr – auch wenn manche behaupten, eine deutsche Militärhegemonie würde Europa „fragmentieren“ und „destabilisieren“.[5] Es gibt keine europäische Führung in der Welt ohne deutsche Führung. Wenn Deutschland sich dieser neuen Rolle stellt, wird sich die transatlantische Partnerschaft leichter gestalten lassen. Die transatlantischen Krisen der letzten Jahre – vom Krieg in der Ukraine bis zu Donald Trump im Weißen Haus – sind eher auf deutsche Schwäche als auf amerikanische Unzuverlässigkeit zurückzuführen. Selbst Trumps Amerika kann nicht leugnen, welche Vorteile verteidigungsfähige, wohlhabende und demokratisch selbst regierende Europäer für Amerika haben.

Die Zukunft eines Europas, das sich mehr selbst behauptet, beginnt in der Ukraine. Durch die erfolgreiche Abwehr des russischen Angriffs wird der Grundstein für einen schlagkräftigen europäischen Staatenbund gelegt, der sich weitgehend konventionell verteidigt und global wirkt. So bildet sich dort auch der militärische Kern einer neuen transatlantischen Geschäftsgrundlage heraus – auch wenn die nukleare Abschreckung weitgehend bei den Amerikanern bleibt.[6]

Eine Welt voller alter und neuer Bedrohungen, ein manchmal abgelenktes Amerika und ein Europa, das schwach und uneinig ist, gefährdet die transatlantische Zusammenarbeit. Doch die gemeinsamen Interessen, Institutionen und Erfolge sprechen dafür, dass diese Zusammenarbeit auch in Zukunft von großem Wert sein wird. Wie diese Zusammenarbeit verläuft, hängt allerdings nicht nur von den gemeinsamen Interessen, sondern auch vom jeweiligen Einfluss ab.

Wenn Deutschland schwach ist, ist auch Europa schwach. Dann entscheidet Washington allein, wie amerikanische Interessen in Europa gesichert werden – also mehr Pax Americana als Pax Atlantica. Das würde weder den Amerikanern noch den Europäern zugutekommen.

Dr. Andrew B. Denison ist Direktor von Transatlantic Networks.

Literatur

↑   1 Das geografische Selbstverständnis, in: Andrew Denison, Georg Schild, Miriam Shabafrouz (Hrsg.), Länderbericht USA, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2021.

↑   2 Daniel S. Hamilton, Joseph P. Quinlan: The Transatlantic Economy 2026: Annual Survey of Jobs, Trade and Investment between the United States and Europe, American Chamber of Commerce to the European Union, 2026.

↑   3 Joint statement on the United States–Ukraine meeting in Jeddah, https://ru.usembassy.gov/joint-statement-on-the-united-states-ukraine-meeting-in-jeddah/, 11.5.2025 (letzter Abruf am 22.5.2026).

↑   4 DIE ZEIT: Mehrheit der Deutschen sieht Nato durch Trump in Gefahr, https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-01/nato-donald-trump-imperialismus-groenland-venezuela-gxe, 16.1.2026 (letzter Abruf am 22.5.2026).

↑   5 Liana Fix: Europe’s Next Hegemon, https://www.foreignaffairs.com/germany/europes-next-hegemon-liana-fix, Foreign Affairs, Mai/April 2026 (letzter Abruf am 22.5.2026).

↑   6 Für eine Analyse einer deutschen Nuklearoption siehe Andrew Dension: Wenn nicht jetzt, wann dann?, https://transatlantic-networks.de/2025/12/05/wenn-nicht-jetzt-wann-dann/, 5.12.2025, (letzter Abruf am 22.5.2026).

↑   7 Nato: Defence expenditures and NATO’s 5% commitment, https://www.nato.int/en/what-we-do/introduction-to-nato/defence-expenditures-and-natos-5-commitment (letzter Abruf am 22.5.2026).

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